Zitat von Cecile Saunders
 
 

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Dr. Anette Borchert

Dr. Anette Borchert, Palliativmedizinerin am Gertrudis-Hospital in Westerholt

Im Gespräch mit Dr. Anette Borchert, Palliativmedizinerin und Leiterin
der Palliativstation im Gertrudis-Hospital

Was verbirgt sich hinter der Arbeit einer Palliativmedizinerin? Und was bedeutet für Sie die Arbeit?

Anette Borchert: So gut unsere moderne Medizin ist, auch sie kommt an ihre Grenzen. Wir Ärzte müssen akzeptieren, dass nicht jede Krankheit heilbar ist. Und für mich macht einen guten Mediziner bzw. eine gute Medizinerin aus, die Patienten bis zum Lebensende zu begleiten und bestmöglich zu versorgen. Das gehört für mich zum ärztlichen Selbstverständnis. Wenn eine Heilung nicht möglich ist, heißt das nicht, dass unsere ärztliche Kunst am Ende ist. Im Gegenteil: Sie wird nur eine andere. Denn es liegt in unseren Händen, Schmerzen zu lindern und Symptome zu kontrollieren. Die Palliativmedizin heilt nicht, weil es nichts mehr zu heilen gibt. Sie macht auch nicht gesund, aber sie hilft, die Lebensqualität zu verbessern, damit das Leben wieder lebenswert ist, bis zum letzten Atemzug.

Leider ist die Palliativmedizin während des Medizinstudiums immer noch kein Pflichtfach. Dennoch ist es sehr erfreulich, dass Palliativmedizin und Sterbebegleitung jetzt mehr in das öffentliche Interesse rücken und wir über diese Themen sprechen. Denn auch das Sterben gehört zum Leben. Und deshalb müssen wir uns mit den drängenden Fragen auseinandersetzen: Wie erleben die schwer kranken Menschen die letzten Monate, Wochen, Tage oder Stunden ihres Lebens? Wie kann man ihr Leid lindern? Ihren Lebenswillen stärken? Und ihre Würde schützen? Mit diesen Fragen setze ich mich als Palliativmedizinerin auseinander.

Wie sieht die Betreuung der Patienten aus?

Anette Borchert: Manchmal reicht es schon aus, Zeit und ein offenes Ohr zu haben. Vielleicht möchte der Kranke über seine Ängste sprechen und über seine Trauer, weil er Abschied nehmen muss. Das kann ich nicht "wegdelegieren", sondern bin dafür da. Ebenso wie das gesamte Team auf der Palliativstation. Dazu gehören in Palliativ-Care ausgebildete Pflegekräfte, Seelsorger, Therapeuten, Sozialarbeiter, Psychologen und interdisziplinär zusammenarbeitende Ärzte. Ganz wichtig ist auch die Kooperation mit den niedergelassenen Kollegen, den ambulanten Pflegediensten, ambulanten Hospizen und den ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern. Unser Ziel muss sein, ein soziales Netz zu schaffen, damit die Patienten zu Hause, also dort, wo sie sich wohl fühlen, weiterleben können. Und das bedeutet auch, Angehörige mit ihren Ängsten und Befürchtungen nicht allein zu lassen, sondern ihnen beratend und begleitend zur Seite zu stehen.

Sind die Abläufe auf einer Palliativstation anders als auf einer Normalstation?

Anette Borchert: Ja, denn sie sind den individuellen Bedürfnissen und Wünschen der Patienten angepasst. Wenn jemand zum Beispiel morgens länger schlafen möchte oder vielleicht nicht gewaschen werden möchte, dann respektieren wir das. Wir haben auch schon mal zu später Stunde Bratkartoffeln zubereitet, weil ein Patient Heißhunger darauf hatte. Wenn jemand Geburtstag hat oder über bestimmte Feiertage bei uns ist, dann bereiten wir eine Feier mit kleinen Geschenken vor. Ich erinnere mich auch noch gut an einen Patienten, der Mitglied eines großen Chores war. Eines Tages kamen alle Chormitglieder zu einem Ständchen vorbei. Anschließend wurde unser Patient dann von seinen Chorfreunden mit einer Auszeichnung geehrt. Das war sehr anrührend, als wir die Freude bei dem schwer Kranken sahen. Er ist dann einige Wochen später sehr friedlich bei uns gestorben. In Ausnahmefällen haben wir auch schon mal ein Auge zugedrückt und den Besuch des geliebten Haustieres für ein paar Stunden genehmigt. Und außerdem erhält jeder Patient auf der Palliativstation von uns einen Schutzengel. Der wird sehr gerne zur Erinnerung mitgenommen.

Die Arbeit auf einer Palliativstation ist sicher belastend. Wie verhindern Sie, dass Sie bei der Begleitung todkranker Menschen immer auch »mitsterben«?

Anette Borchert: Ganz wichtig ist, über das, was einen beschäftigt, zu reden und sich auszutauschen. Wir haben zum Beispiel regelmäßig Teambesprechungen, da können wir gut über Belastungen sprechen und sie dadurch auch zu einem großen Teil abbauen. Ganz wichtig sind regelmäßige Supervisionen, weil man dort noch einmal über seine Gedanken und Gefühle reflektiert. Sehr hilfreich ist bei uns die tolle Teamarbeit und das "Wir"-Gefühl. Keiner arbeitet nur für sich, das heißt, auch Belastungen werden gemeinsam geschultert. Und unsere Teamarbeit endet nicht an der Krankenhaustür: Wir planen zum Beispiel gemeinsam Tage der offenen Tür, veranstalten Basare oder präsentieren unsere Arbeit bei Messen oder anderen öffentlichen Veranstaltungen. Das schweißt zusammen. Natürlich ist es auch gut, privat einen Ausgleich zur Arbeit zu haben: Ich kann zum Beispiel durch sportliche Betätigung, aber auch durch den Besuch von kulturellen Veranstaltungen Abstand und den nötigen Ausgleich zur Arbeit finden. Und, was ganz wichtig ist: Ich erfahre viel Rückhalt und Verständnis durch meinen Mann, denn natürlich nimmt man auch einige Schicksale mit nach Hause.